Chronische Wunden

Kategorien: Krankheiten, Medizinische Versorgung und Therapien

Als chronische Wunden bezeichnet man Wunden, die über längere Zeit bestehen und sich langsam entwickeln. Der Zeitraum, nach dem eine Wunde als chronisch gilt, ist in der Literatur unterschiedlich definiert und bewegt sich zwischen 4 und 12 Wochen.

Diese schlechte Wundheilung ist häufig die Folge von Durchblutungsstörungen, Diabetes mellitus (“Zuckerkrankheit”) oder eines reduzierten Immunsystems. Auch Rauchen oder Übergewicht kann zu einer verschlechterten Wundheilung führen. Als häufig auftretende chronische Wundformen sind insbesondere “Wundliegegeschwüre” (auch Dekubitus genannt) oder “Unterschenkelgeschwüre” (sogenannter Ulcus cruris) bekannt. Oft kommt auch ein diabetischer Fuß vor. Eine akute Wunde, die nicht fachgerecht gepflegt wird, kann sich im schlimmsten Fall ebenso zu einer chronischen Wunde entwickeln.

Sehr oft sind Patient:innen im Alltag durch ihre chronischen Wunden physisch enorm eingeschränkt. Allerdings können die zahlreichen Arztbesuche genauso die Psyche belasten. Wird die Ursache der Wundheilungsstörung nicht behoben, bestehen kaum Chancen einer Ausheilung. Darum muss neben einer idealen Versorgung der Wunde auch die Grunderkrankung bestmöglich mitbehandelt werden!

Welche Arten von chronischen Wunden gibt es?

Es gibt drei Wundarten, die im Alter und bei Pflegebedürftigkeit häufig vorkommen:

  • Ulcus cruris („offenes Bein“ oder “Unterschenkelgeschwür”)
  • Diabetischer Fuß
  • Dekubitus („Wundliegen“)

Ulcus Cruris

Ulcus cruris, auch bekannt als „das offene Bein“,  tritt aufgrund von Durchblutungsstörungen (arteriell, venös oder beides) in den Beinen auf. Durch die Minderversorgung mit Blut innerhalb des Gewebes kommt es zu Sauerstoff- und Nährstoffmangel in den Zellen. In der Folge wird das Hautgewebe zerstört: Es entsteht eine Wunde am Unterschenkel. Daher auch der Name “Unterschenkelgeschwür”.

Diabetischer Fuß

Wenn die Blutzuckerwerte bei bestehendem Diabetes mellitus über einen längeren Zeitraum nicht gut eingestellt sind, kann es in der Folge zu Schädigungen kommen an:

  • den peripheren Nervenbahnen (sog. diabetische Polyneuropathie),
  • an den Gefäßinnenwänden der Blutkapillaren (sog. diabetische Mikroangiopathie) und
  • den Arterien (sog. diabetische Makroangiopathie).

All das führt dazu, dass sich schlecht heilende Wunden an den Füßen entwickeln können.

Dekubitus

Ein Dekubitus ist eine chronische Wunde, die aufgrund von langanhaltendem Druck auf das Hautgewebe entsteht, beispielsweise im Falle von Bettlägerigkeit. Das lange Liegen im Bett oder stundenlanges Sitzen im Rollstuhl in derselben Position führt dazu, dass die Haut an den Auflageflächen nicht ausreichend durchblutet wird. Dies wiederum führt zur Unterversorgung von Sauerstoff- und Nährstoffmangel des Hautgewebes, das infolgedessen Schäden nimmt.

Wie werden chronische Wunden behandelt?

Die Behandlung chronischer Wunden gehört in die Hände von ausgebildeten Fachkräften und Ärzt:innen und erstreckt sich meist über einen längeren Zeitraum.Wegweisend für die Behandlung chronischer Wunden ist immer die zugrundeliegende Erkrankung. Demnach sieht die Vorgangsweise bei einem Ulcus cruris mit venöser Ursache ganz anders aus als bei einem Ulcus cruris mit arterieller Genese. In den meisten Fällen wird heutzutage allerdings eine feuchte Wundbehandlung durchgeführt, welche sich am Stadium der Wundheilung orientiert.

Was ist Wundmanagement?

Beim Wundmanagement stellt die Wundversorgung nur einen Teilaspekt dar. Das Spektrum reicht von der Anamnese zu Beginn bis zur Wunddokumentation und gehört immer in die Hände von Fachkräften, sog. Wundmanager:innen oder Wundexpert:innen.

Diese Fachleute, oft handelt es sich dabei um Pflegefachkräfte mit speziellen Weiterbildungen, kennen sich besonders gut mit Wundarten, -heilung, -behandlung, Schmerzmanagement etc. aus. Sie wissen also, wie spezifische Wunden fachgerecht versorgt werden müssen. Die passende Wundversorgung beschleunigt die Wundheilung: So wird u.a. Komplikationen – wie Infektionen oder wiederkehrenden Wunden – vorgebeugt. Gleichzeitig werden Schmerzen reduziert und die Lebensqualität von Betroffenen gefördert.

Wundbeobachtung und -dokumentation

Eine Wunddokumentation ist ein wichtiger Teil der Pflegedokumentation und wird von einer Fachkraft übernommen. Dies ermöglicht eine adäquate Behandlung, die auf das jeweilige Wundstadium zugeschnitten ist. Doch bei der Wundbeobachtung können auch pflegende Angehörige wunderbar mithelfen. Dabei ist eine gute Beobachtungsgabe gefragt, um erste Anzeichen zu erkennen:

Stadium 1: Infektion

  • Ist die Wunde gerötet?
  • Ist sie geschwollen, auffällig warm oder schmerzt sie stark?
  • Tritt Eiter aus?
  • Leidet der oder die Betroffene unter Fieber bzw. Schüttelfrost?
  • Riecht die Wunde unangenehm?

Stadium 2: Blutvergiftung (Sepsis)

  • Verfärbt sich die Haut dunkel?
  • Sind rötlich-blaue Linien auf der Haut zu erkennen?

Stadium 3: Tetanus

  • Hat der oder die Betroffene Schmerzen?
  • Kommt es zu Muskelversteifung im Gesicht oder Nacken?
  • Treten Schluckstörungen auf oder verkrampft die Kiefermuskulatur?
  • Wie steht es um den Impfschutz der betroffenen Person?

In diesen Fällen sollte ärztliche Hilfe bzw. ein Krankenwagen gerufen werden. Bei schweren Erkrankungen kann es nämlich überlebenswichtig sein, so rasch wie möglich medizinische Versorgung anzufordern.

Maßnahmen bei der Wundversorgung

Chronische Wunden werden zum Schutz vor Keimen etc. mit einer Auflage abgedeckt. Außerdem ist es sinnvoll, auf den Wundrand und die Wundumgebung eine Feuchtigkeitspflege aufzutragen. Diese lindert Juckreiz und verhindert weiters, dass die Hautumgebung austrocknet. Der Verband sollte aus Hygienegründen in regelmäßigen Abständen gewechselt werden.

Wundreinigung und Infektionsprophylaxe

Eine zerstörte Hautbarriere begünstigt den Eintritt von Erregern und Keimen. Chronische Wunden sind daher äußerst gefährdet für Verschmutzungen und Infektionen. Das Reinigen der Wunde zu Beginn des Verbandwechsels ist daher unerlässlich, um die Infektionsgefahr zu vermindern.

Bei der „einfachen“ Wundreinigung wird die Wunde mit einer Kochsalz- oder Elektrolytlösung gespült. Ist das Gewebe im Wundbereich bereits nekrotisch (=abgestorben), muss es entfernt werden, damit die Verletzung heilen kann. Das wird als Débridement bezeichnet: Der Arzt oder die Ärztin entfernt nach erfolgter Betäubung mit einer Klinge das abgestorbene Gewebe. Alternativ kann er enzymatisch wirkende Stoffe auftragen oder Maden auf die Wunde setzen, welche die toten Zellen ablösen. Welches Verfahren für das Débridement geeignet ist, wird individuell nach Art und Größe der Verletzung entschieden.

Um Schmerzen im Zuge der Wundversorgung vorzubeugen, wird das Wundgebiet in der Regel örtlich betäubt, bspw. mit einer Salbe. Reicht dies nicht aus, können die Betroffenen vor der nächsten Versorgung auch Medikamente einnehmen. Bei größeren Wunden besteht die Möglichkeit einer Narkose.

Ist die Wunde von Bakterien befallen, ist zusätzlich zur Wundreinigung eine Therapie mit Antibiotika notwendig. Diese wird meist über einen venösen Zugang als Infusion verabreicht, kann jedoch auch in Tablettenform eingenommen werden.

Wundauflagen

Die Ärztin, der Arzt oder die Pflegekraft legt nach der Reinigung der Wunde einen neuen Verband an. Eine Wundauflage dient dazu, die Wunde feucht zu halten, überschüssige Flüssigkeit aus der Wunde aufzunehmen und zusätzlich vor unnötigen Infektionen zu schützen. Die richtige Wahl der Wundauflage spielt daher eine wichtige Rolle bei der Wundversorgung.

Unterschieden werden dabei:

  • inaktive Wundauflagen, die lediglich Wundsekret aufnehmen
  • interaktive Wundauflagen, die den Heilungsprozess aktiv unterstützen, sowie
  • bioaktive Wundauflagen, zum Beispiel Hauttransplantate.

Inaktive Wundauflagen sind sehr saugfähig, was die Wunde letzlich auch austrocknen kann. Zudem haben sie den großen Nachteil, dass sie häufig mit dem Wundgrund verkleben, was das Ablösen nicht nur mühsam, sondern oftmals auch schmerzhaft macht. Um dem vorzubeugen, müssen Mullkompressen mit Kochsalzlösung getränkt und mit einer wasserdichten Folie abgedeckt werden.

Beim Verbandswechsel besteht die Gefahr, dass neu entstandenes Gewebe wieder mit abgerissen wird. Interaktive Wundauflagen bestehen beispielsweise aus Schaumstoffen, Hydrogelen oder Hydrokolloiden und verkleben kaum. Außerdem sorgen sie für ein konstant feuchtes Milieu, nehmen Zerfallsprodukte von Bakterien auf und schützen vor Infektionen. Ein Nachteil ist allerdings, dass interaktive Wundauflagen in der Regel teurer sind als Herkömmliche.

Hauttransplantate

Eine weitere Behandlungsmöglichkeit ist die Transplantation von Haut. Dies wird zum Beispiel angedacht, wenn die Wunde sehr groß ist und sich nicht mehr von selbst schließt. Die Haut wird im Zuge dessen von einer anderen Körperstelle, meistens dem Oberschenkel, entnommen und auf die Wunde übertragen. Transplantate können aber auch aus menschlichen Zellprodukten oder künstlichen Materialien bestehen.

Medikamente

Oft unterschätzt werden Schmerzen, die durch chronische Wunden verursacht werden. Sie adäquat zu lindern, ist daher äußerst wichtig.

Bei leichten bis mittelstarken Schmerzen kann auf Schmerzmittel zum Schlucken zurückgegriffen werden. Auch manche Wundauflagen enthalten derartige Schmerzmittel bereits. Sind die Schmerzen von höherem Ausmaß, können Haus- oder Fachärzte entsprechende Mittel bei Bedarf verschreiben.

Technische Hilfsmittel

In Krankenhäusern werden zum Teil auch technische Geräte eingesetzt, um die Wundheilung zu fördern und den Heilungsprozess zu verbessern.
Darunter fällt u.a.:

  • Hyperbare Sauerstofftherapie: Patient:innen atmen in einer speziellen Kammer, unter erhöhtem Luftdruck, reinen Sauerstoff ein. Dies wirkt sich bei allen chronischen Wunden, jedoch insbesondere beim diabetischen Fuß, positiv aus.
  • Vakuumversiegelungstherapie: In die offene Wunde wird ein Schwamm mit einem Unterdrucksystem angelegt, was folgende Ergebnisse erzielen soll:
    • Verkleinerung der Wundfläche
    • verbesserte Durchblutung des Gewebes
    • Schutz vor Erregern
    • Abtransport von Wundsekret und Blut
  • Ultraschalltherapie: Behandlung von chronischen Wunden mittels Schallwellen
  • Magnetfeldtherapie: Hier erzeugen magnetische Kissen oder Matten schwache elektrische Spannungen im Wundbereich und fördern damit die Wundheilung.

Umgang mit Wundschmerzen

Chronische Wunden gehen in der Regel mit starken Schmerzen einher, unter welchen die Patient:innen körperlich und seelisch sehr leiden. Eine adäquate Schmerztherapie ist deshalb ein essentieller Bestandteil innerhalb der Wundversorgung.

Insbesondere vor der Reinigung der Wunde und dem Verbandwechsel ist manchmal das Verabreichen eines Schmerzmittels oder einer örtlichen Betäubung notwendig.

Leichtere Schmerzen können zum Beispiel durch lokal betäubende Salben behandelt werden, bei stärkeren Schmerzen erhalten Betroffene eine systemisch wirksame Therapie (Schmerztabletten, – spritzen oder -infusionen). Zudem erfolgt zusätzlich die Einbindung geschulter Schmerzspezialist:innen.

Phasen der physiologischen Wundheilung

Autsch – einmal mit dem Messer abgerutscht und schon blutet der Finger. Während Sie im anfänglichen Schreck noch darüber nachdenken, wo es ein Pflaster zu finden gibt, reagiert der Körper bereits auf das Loch im Gewebe. Phase 1 der Wundheilung hat damit begonnen.

Stellen Sie sich die Wundheilung wie ein ausgeklügeltes Reparatursystem vor, bei dem viele Zellen miteinander arbeiten. In den drei Wundheilungsphasen kommen unterschiedliche „Reparaturtrupps“ zum Einsatz:

  • Wundheilungsphase 1 – die Reinigung: Sobald Sie sich verletzt haben, schickt der Körper u. a. Fresszellen aus, die evtl. eingedrungene Keime eliminieren und zerstörtes Körpergewebe direkt beseitigen. Außerdem wird sofort die Gerinnung des Blutes in Gang gesetzt, um die Wunde schnellstmöglich zu schließen.
  • Wundheilungsphase 2 – die Granulation: Jede Wunde hinterlässt ein Loch im Gewebe, das wieder gefüllt werden muss. Bereits nach ungefähr 24 Stunden hat der Körper die Blutversorgung im betroffenen Gebiet wiederhergestellt, sorgt für den Zustrom von Bindegewebszellen aus der Wundumgebung und erreicht so, dass sich ein erstes, zartes Gewebe auf der Wunde bildet.
  • Wundheilungsphase 3 – die Regeneration: Es bedarf kein Pflaster mehr, aber die Verletzung ist noch druckempfindlich. Es kann bis zu 14 Tage dauern, bis sich eine neue Haut über der Wunde gebildet hat. Die Heilung geschieht immer von den Rändern zur Mitte hin. Dabei teilen sich Hautzellen und gleiten auf der feuchten Wundoberfläche langsam über das zarte Gewebe. Das geschieht so lange, bis die Wunde richtig verschlossen und widerstandsfähig ist.

Der Körper hat einiges zu tun – selbst bei einer ungefährlichen kleinen Schnittwunde. Umso wichtiger ist die passende Unterstützung. Das beginnt bereits bei der Erstversorgung.
Passiert innerhalb der Wundheilungskette eine Komplikation oder besteht eine Grunderkrankung, kann sich auch eine kleine unscheinbare Wunde zu einer chronischen Wunde entwickeln.

Grunderkrankungen als Ursache

Wunden entstehen oft durch eine äußere Verletzung, wie etwa einen Schnitt oder einen heftigen Stoß. Chronische Wunden entwickeln sich im Gegenzug jedoch oft durch eine innerlich vorherrschende Grunderkrankung. Solche Grunderkrankungen oder gesundheitlichen Probleme können sein:

Durchblutungsstörungen von Venen und Arterien

Sind Arterien (Blutgefäße, die das Gewebe mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen) verengt, heilen Wunden generell langsamer als bei einer guten Durchblutung. Eine typische Grunderkrankung ist die periphere arterielle Verschlusskrankheit (paVK).

Bei Krankheiten der Beinvenen heilen Wunden am Unterschenkel oder Fuß ebenfalls schlechter. Die Beinvenen sind verantwortlich für den Rücktransport des Blutes zurück zum Herzen. Bei einer Schwäche der Venenklappen sind die Venen erweitert. Das Blut staut sich zurück in den Beinen und es kommt zu einer Schwellung. Der dadurch entstandene Druck erschwert die Durchblutung und damit die Sauerstoffversorgung des Gewebes. Es kann auch zu sogenannten Krampfadern kommen. Unter diesen ungünstigen Bedingungen kann aus einer kleinen Verletzung schnell eine chronische Wunde werden. Eine schlecht heilende Wunde am Unterschenkel wird umgangssprachlich als „offenes Bein“ bezeichnet. Der Fachbegriff dafür lautet „Ulcus cruris venosum“.

  • Periphere arterielle Verschlusskrankheit: (PAVK, Schaufensterkrankheit, Raucherbein): Hinter dem Kürzel PAVK verbergen sich Durchblutungsstörungen, die auf verengte oder verschlossene Arterien (Schlagadern) zurückgehen.Vier Haupt-Risikofaktoren beschleunigen eine Verkalkung der Arterien:
    1. Schlecht eingestellter Diabetes mellitus
    2. Rauchen
    3. hohe Blutfettwerte
    4. Bluthochdruck
  • Chronisch-venöse Insuffizienz: (CVI) durch Krampfadern (Varizen) oder nach überstandenen tiefen Beinvenen-Thrombosen: Das Blut kann nicht mehr richtig aus den Venen zurückfließen und „versackt“ in den Beinen. Das überwässerte Haut- und Muskelgewebe verhärtet und wird dadurch anfälliger für chronische Wunden.

Diaebetes Mellitus

Typisch für eine fortgeschrittene Zuckerkrankheit können geschädigte Blutgefäße und Nerven der Füße sein. Aus diesem Grund spüren Diabetiker:innen oftmals keine Schmerzen an den Füßen. Sie übersehen dadurch vielleicht kleine Verletzungen, ausgelöst durch Barfuß gehen, oder Druckstellen durch zu enge Schuhe. Außerdem wird das Gewebe durch die verminderte Durchblutung in den geschädigten Blutgefäßen schlechter versorgt. Auch dies erhöht die Gefahr für chronische Wunden bei Diabetiker:innen.

Schwaches Immunsystem

Bei Menschen mit schweren Erkrankungen wie Krebspatient:innen, bei älteren Personen oder Menschen mit Mangelernährung sind die Abwehrkräfte herabgesetzt. Dies kann dazu führen, dass Wunden insgesamt langsamer heilen.

Mangelernährung und mechanischer Druck

Manche Menschen sind im Alter oder aufgrund einer Erkrankung längere Zeit bettlägerig. Dann wirkt ein lang anhaltender Druck durch das eigene Körpergewicht auf die Haut ein und erhöht die Wahrscheinlichkeit für ein Druckgeschwür (sog. Dekubitus). Auch Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, haben daher ein erhöhtes Risiko für einen Dekubitus. Mangelernährte Menschen haben ebenso ein wesentlich höheres Risiko, einen Dekubitus zu entwickeln, da weniger Haut- und Fettgewebe vorhanden ist. Eine gesunde Ernährung und Lagerung sind somit bei chronisch kranken und geschwächten Menschen äußerst wichtig.

Auch Herz-Kreislauf- und rheumatische Erkrankungen können die Wundheilung einschränken.

Wie werden chronische Wunden diagnostiziert?

Die Initiative Chronische Wunden e.V. (ICW e.V.) schlägt die sog. ABCDE-Regel für die Diagnostik durch Ärzte und Ärztinnen, Wundmanager:innen und Pflegefachkräfte vor.

  • A – Anamnese

Der erste Schritt ist immer die Anamnese, d.h. die Befragung des:der Betroffenen und der pflegenden Angehörigen zur aktuellen Wunde und ggf. auch zu Wunden in der Vergangenheit.

  • B – Bakterien

Es wird mithilfe von Abstrichen untersucht, ob die Wunde mit Bakterien und multiresistenten Erregern, wie z.B. MRSA infiziert ist.

  • C – klinische Untersuchung

Im Rahmen der klinischen Untersuchung erfolgt eine genaue Untersuchung der Wunde. Beurteilt werden z. B. die Lokalisation, der Wundrand, die Wundtiefe, eventuelle Wundgerüche und Wundsekrete, sowie die Wundumgebung.

  • D – Durchblutung

Um herauszufinden wie gut das Wundgebiet durchblutet ist, werden die Venen und die Arterien untersucht.

  • E – Extras

Wenn die vorherigen Untersuchungen noch nicht zu einem eindeutigen Ergebnis über die Ursache der Wunde geführt haben, gibt es eine Reihe weiterer Untersuchungsmethoden, die individuell ausgewählt und eingesetzt werden [1].

Welche Folgen können chronische Wunden haben?

Eine chronische Wunde hat eigentlich immer Folgen für die Lebensqualität der Betroffenen. Schmerzen, Wundgeruch oder Bewegungseinschränkungen können die Teilhabe an Aktivitäten aufgrund Schamgefühl einschränken. Umso wichtiger ist ein konsequentes Wundmanagement, das auch Aspekte wie Beratung und Anleitung (z. B. zur Wundversorgung) enthält.

Folgen von chronischen Wunden im Detail:

  • Eine chronische Wunde ist den meisten Menschen sehr unangenehm, nicht nur wegen der Optik, sondern oft auch wegen des Geruchs. Manche ziehen sich in die eigenen vier Wände zurück und sind sozial isoliert – auch die Psyche leidet mit.
  • Die Schmerzen vermindern die Lebensfreude und die Lebensqualität. Zudem schränken sie die Beweglichkeit im Alltag ein.
  • Schmerzen und Juckreiz treten oft nachts auf und stören daher den Schlaf enorm. Am nächsten Morgen fühlen sich demnach viele Betroffene müde.
  • Das Immunsystem wird durch die unverschlossene Wunde zusätzlich zu der meist schon bestehenden Grunderkrankung, belastet.
  • Es besteht Infektionsgefahr durch Bakterien, die eindringen und Entzündungen auslösen. Weiters besteht die Gefahr, dass das Gewebe abstirbt. Ohne Behandlung können sich die Keime über die Blutbahn ausbreiten und dabei eine Blutvergiftung (Sepsis) auslösen – diese ist lebensgefährlich.
  • Manchmal ist eine Amputation einer Gliedmaße bei einer offenen Wunde nicht zu verhindern.

Wie kann chronischen Wunden vorgebeugt werden?

bei Diabetes Mellitus

Für eine adäquate Wundheilung bei Diabetes mellitus ist es wichtig, dass der Blutzucker gut eingestellt ist. Tipps, um Druckstellen zu vermeiden sind: ausreichend große und weite Schuhe und ggf. Socken ohne Nähte zu tragen, sowie eine regelmäßige diabetische Fußpflege in Anspruch nehmen.

bei Durchblutungsstörungen und Venenschwäche

Entscheidend ist hier der regelmäßige Kontrollbesuch bei einem Arzt oder einer Ärztin, sowie die konsequente Einnahme der verordneten Therapien. Kompressionsstrümpfe oder elastische Binden (Druckverbände) senken bei Venenschwäche und Krampfadern das Risiko für chronische Wunden, da sie den Blutfluss unterstützen. Zur Entlastung der Beinvenen können auch Geräte mit aufblasbaren Luftkissen zu Hilfe genommen werden. Am Knöchel beginnend werden die Kissen bis zur Leiste nach und nach aufgepumpt. Der Druck presst dann das Blut aus den tiefen Beinvenen – der Fachbegriff hierfür ist „intermittierende pneumatische Kompression“. Bisher liegen jedoch noch keine ausreichenden wissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse über dieses Verfahren vor.

bei Bettlägrigkeit

Regelmäßiges Umpositionieren der Betroffenen ist unumgänglich. Es empfiehlt sich ein 3-4 Stunden-Intervall. Je nach Ernährungszustand wird dies ggf. noch engmaschiger empfohlen. Weiche Polsterung mittels Lagerungskissen von aufliegenden Körperstellen wie z.B. Fersen, Steißbein, Hinterkopf, Ohren helfen ebenso. In besonders schweren Fällen besteht die Möglichkeit für sogenannte Anti-Dekubitus-Matratzen, die medizinisch verordnet werden können und sich selbst in Intervallen mit Luft füllen und wieder entleeren.

Allgemeine Vorbeugung chronischer Wunden

  • nicht rauchen
  • wenig oder keinen Alkohol trinken
  • viel Bewegung, beispielsweise täglich spazieren gehen, wandern oder Rad fahren
  • Hautpflege
  • keine langen Bäder nehmen
  • kein allzu heißes Wasser
  • auf rückfettende Produkte achten
  • täglich die Haut auf ­mög­liche Wunden prüfen
  • ausreichend trinken (1,5 – 2 Liter pro Tag)
  • Nüsse, Fisch und Rapsöle konsumieren (diese liefern entzündungshemmende Omega-3-Fettsäuren)

Was ist der Unterschied zwischen einer akuten und chronischen Wunde?

Ab wann ist eine Wunde chronisch? Diese Frage stellt sich sowohl für die Betroffenen als auch für ihre pflegenden Angehörigen, wenn die Heilung einer Wunde nicht so recht voranschreitet.

Die Literatur besagt:

  • Akute Wunden heilen im Normalfall innerhalb kurzer Zeit von allein und ohne spezielle Therapie ab. Das gilt für einfache Schnittverletzungen, leichte Verbrennungen oder Abschürfungen. Als Richtwert gelten ca. 4 Wochen.
  • Im Gegensatz dazu gilt eine Wunde als chronisch, wenn sie ohne Therapie länger als vier Wochen besteht bzw. mit der richtigen Therapie nicht innerhalb von einem bis drei Monaten abheilt.

Die Initiative Chronische Wunden e.V. (kurz ICW e.V.) definiert chronische Wunden folgendermaßen: “Eine Wunde, die nach acht Wochen nicht abgeheilt ist, wird als chronisch bezeichnet.” [2]

Darüber hinaus besagt die Definition der ICW, dass einige Wunden von Beginn an als chronisch anzusehen sind, weil ihnen eine Grunderkrankung vorausgeht, die ebenfalls behandelt werden muss [3].

Im Unterschied zur chronischen Wunde entstehen akute Wunden normalerweise durch äußere Einflüsse. Es handelt sich dann z. B. um eine Schnittwunde, eine Schürfwunde oder eine OP-Wunde. Akute Wunden heilen oft innerhalb von kurzer Zeit ohne Komplikationen und ohne besondere Wundtherapie wieder ab.

In der nachfolgenden Übersicht sind die Unterschiede zwischen akuter und chronischer Wunde dargestellt:

Akute Wunde

Chronische Wunde

Entstehung

durch äußere Einflüsse, z. B.

  • mechanisch (z. B. Schnitt)

  • thermisch (z. B. Hitze)

  • chemisch (z. B. Säure)

  • ärztlichen Eingriff

  • strahlenbedingt

durch innere Einflüsse

Grunderkrankungen, wie z. B.

  • Durchblutungsstörungen

  • Herzschwäche

  • Immunschwäche

  • Diabetes mellitus

  • Infektionen

Dauer bis zur Wundheilung

zwölf bis 14 Tage

länger als acht Wochen

Therapie

je nach Aussehen und Ursache der Wunde, teilweise keine Therapie notwendig

lokale Wundbehandlung und Therapie der Grunderkrankung

Art der Wundheilung

primäre Wundheilung, d. h. direktes Zusammenwachsen der glatten Wundränder

sekundäre Wundheilung, auch „offene Wundheilung“ genannt, d. h. die Wundränder klaffen weit auseinander, sie sind nicht glatt. Die Wunde heilt vom Wundgrund aus nach oben hin zu.

Keimbesiedlung

keine bis wenig Keimbesiedlung, z. B. bei einer OP-Wunde

meist kritisch mit Keimen besiedelt oder infiziert

Narbenbildung

kleine, kaum auffällige Narben

auffällige, gut sichtbare Narben

 

Welchen Einfluss kann eine chronische Wunde auf die Pflegebedürftigkeit haben?

Jede chronische Wunde muss von fachlich geschultem Personal begutachtet, eingeschätzt und in regelmäßigen Abständen adäquat versorgt werden. Dies passiert meistens durch diplomiertes Pflegepersonal mit zusätzlicher Weiterbildung hinsichtlich Wundmanagement. Man spricht von sogenannten Wundexpert:innen oder Wundmanager:innen.

Demnach lässt sich schlussfolgern, dass eine chronische Wunde per se bereits einen Pflegebedarf nach sich zieht, vor allem wenn sich die Wunde an einer Körperstelle befindet, die man selbst nicht erreicht. Jedoch spielen im Falle chronischer Wunden auch die Ursachen eine wesentliche Rolle.

Chronische Wunden werden im überwiegenden Teil durch innere Einflüsse, also körperliche Grunderkrankungen verursacht, wie z.B. Durchblutungsstörungen, Diabetes mellitus oder auch durch Bettlägerigkeit.Dadurch lässt sich festhalten, dass eine chronische Wunde sowohl pflegebedürftig macht oder aber auch eine Folgeerscheinung bereits bestehender Pflegebedürftigkeit sein kann. Beispielsweise dann, wenn die betroffene Person sich selbst nicht mehr ausreichend bewegen und umpositionieren kann und demnach gefährdet ist, ein Druckgeschwür (Dekubitus) zu entwickeln.

Wer übernimmt die Kosten für die Behandlung einer chronischen Wunde?

Die meisten Verbandsmaterialien werden von österreichischen Krankenkassen bezahlt. Dies passiert über die medizinische Verordnung durch den Hausarzt bzw. der Hausärztin.Weitere Verbandsstoffe, müssen in der Regel privat finanziert werden.

Für Wundmanagement-Leistungen durch fachlich geschultes Personal kann bei der jeweiligen Krankenkasse um Kostenerstattung ersucht werden. Eine Rückvergütung wird allerdings meist nur anteilig bewilligt. Allerdings refundieren manche Krankenzusatzversicherungen eine Wundversorgung durch Wundexpert:innen.


FAQ

1. Ab wann gilt eine Wunde als “chronisch”?

Nach der “Initiative Chronische Wunden e.V.” ( ICW) kann eine Wunde nach acht Wochen als chronisch betrachtet werden [2].

2. Welche Arten von chronischen Wunden gibt es?

Es kommen insbesondere drei Wundarten vor: Das sind Ulcus cruris („offenes Bein“ oder “Unterschenkelgeschwür”), Diabetischer Fuß und Dekubitus („Wundliegen“).

3. Wie gestaltet sich die Behandlung  chronischer Wunden?

Wesentlich für die Ausheilung chronischer Wunden ist die Behandlung der zugrundeliegenden Erkrankung. Je nach Erkrankung kann sich damit der genaue Behandlungsablauf unterscheiden. Unabhängig von der Grunderkrankung werden die Wunden medizinisch versorgt, um den Heilungsprozess zu beschleunigen und Infektionen zu vermeiden. Gegebenenfalls besteht zudem ein gesonderter Fokus auf die Behandlung von Schmerzen.

4. Wie sieht die Reinigung einer chronischen Wunde aus?

Die richtige Wundreinigung ist unerlässlich, um etwaigen Infektionen vorzubeugen. Dafür werden die Wunden meist mit einer Kochsalz- oder Elektrolytlösung gespült und abgestorbenes Gewebe entfernt. Nach der Reinigung der Wunde wird ein (neuer) Verband angelegt. Ist die Wunde von Bakterien befallen, ist zusätzlich zur Reinigung eine Therapie mit Antibiotika notwendig.

5. Welchen Zweck erfüllen Wundauflagen?

Eine Wundauflage dient dazu, die Wunde feucht zu halten, überschüssige Flüssigkeit aus der Wunde aufzunehmen und zusätzlich das Infektionsrisiko zu minimieren. Die richtige Wahl der Wundauflage spielt daher eine wichtige Rolle bei der Wundversorgung.

6. Welche Anzeichen sprechen für eine Infektion der Wunde?

Rötungen, Schwellungen, unangenehmer Wundgeruch bis hin zu Eiterbildung und Fieber sprechen dafür, dass sich eine Wunde infiziert hat. In weiterer Folge kann es auch zu einer Sepsis (Blutvergiftung) oder auch einer Tetanuserkrankung (bei fehlendem Impfschutz) kommen. Wundinfektionen müssen somit unbedingt ärztlich untersucht und behandelt werden.

7. Welche Probleme können im Alltag durch chronische Wunden auftreten?

Durch Schmerzen und Juckreiz einer chronisch offenen Wunde, kann der Alltag beeinträchtigt und vor allem der Schlaf gestört sein. Auch Schmerzen bei der Wundreinigung, sowie Einschränkungen bei der Körperpfleg können auftreten. Diese körperlichen Belastungen, können das Berufs- und Privatleben beeinträchtigen und psychische Auswirkungen haben. Mitunter sorgen sich Betroffene, dass ihre Wunde riecht und dies anderen auffällt.

8. Wodurch können chronische Wunden verursacht werden?

Meistens werden chronische Wunden durch Grunderkrankungen bedingt, welche die Fähigkeit einer gesunden Wundheilung einschränken. Dies kann zum Beispiel bei Diabetes Mellitus der Fall sein, bei einem schwachen Immunsystem (z.B. bei einer Krebserkrankung) oder bei Erkrankungen, die zu Durchblutungsstörungen führen. Auch in Zuge einer Bettlägrigkeit treten vermehrt chronische Wunden auf, da das eigene Körpergewicht konstant Druck auf die Haut ausübt.


[1] Vgl. Initiative Chronische Wunden e.V., “ABCDE-Regel für die Diagnostik chronischer Wunden”, icwunden.de, n.d., https://www.icwunden.de/fileadmin/Fachinfos/Standards/ABCDE-Regel.pdf, 02.01.2024.

[2] Initiative Chronische Wunden e.V., “Standards für die Diagnostik und Therapie chronischer Wunden. Stand 2023”, icwunden.de, 2023, https://www.icwunden.de/fileadmin/Literatur/230803_Broschuere_Standards_Chronische_Wunden.pdf, hier: S. 6.

[3] Vgl. ebd.

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